Es gibt allen Grund, jüdisches Leben in Deutschland zu feiern

Zur heutigen Sitzung des Schleswig-Holsteinischen Landtag sprach der kirchenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Tobias von Heide im Plenum:

Zur heutigen Sitzung des Schleswig-Holsteinischen Landtag sprach der kirchenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Tobias von Heide im Plenum:

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

1700 Jahre gibt es jüdisches Leben in Deutschland. Im Jahr 321 sind erstmalig Juden als römische Bürger in Köln bezeugt worden. Im heutigen Schleswig-Holstein deutlich später. Die älteste bekannte Quelle zum jüdischen Leben in Schleswig-Holstein ist eine Urkunde aus dem Jahr 1424. Es gibt einige Orte, die sich als „Toleranzstädte“ hervorgetan haben und sogar intensiv jüdische Familien eingeladen haben, sich in Schleswig-Holstein niederzulassen. Dazu gehören Glücksstadt, Friedrichsstadt und später ab 1692 auch Rendsburg.

Aber der Begriff „Toleranzstädte“ macht es deutlich, dass die Geschichte der Juden in Deutschland und auch in Schleswig-Holstein immer wieder durch Vertreibung und Ausgrenzung geprägt war. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 war eine Zäsur dieser Ausgrenzungsgeschichte, die nur ein Auftakt sein sollte. In dieser Nacht wurde auch die Kieler Synagoge, der zentrale Ort für jüdisches Leben in Kiel, zerstört.

Antisemitismus und Rassenwahn führten in den Holocaust. Sechs Millionen europäischen Juden wurden systematisch ermordet. Ein Menschheitsverbrechen für das jedes Wort zu schwach ist.

Wenn wir über 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland sprechen, dürfen wir diesen Teil der Geschichte nicht ausblenden. Und es ist bestürzend, dass ein Anschlag wie in Halle im Oktober 2019 uns nochmal schlagartig deutlich macht, dass Antisemitismus kein Phänomen der Vergangenheit ist. Dieser Tage war in der Zeitung zu lesen, dass Jüdinnen und Juden sich auch bei uns in Schleswig-Holstein bedroht fühlen. Ich finde das beschämend. Ich will, dass man offen auf der Straße eine Kippa tragen kann, ohne dass man sich Sorgen um die eigene Sicherheit machen muss.

Bei diesem Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland geht es aber nicht nur um die Erinnerungskultur und den Kampf gegen Antisemitismus. Es geht auch darum, das jüdische Leben in Deutschland zu feiern. Und dafür gibt es allen Grund.

Im Mittelalter waren deutsche Städte wie Köln, Trier, Speyer, Worms und Mainz Zentren des Judentums von Weltgeltung und jüdische Menschen prägten die Städte ihrer Zeit ganz erheblich mit. Vom Boden der heutigen Bundesrepublik gingen ganz entscheidende Prägungen für die jüdische Kultur, Architektur, für die religiöse Tradition, die Gelehrsamkeit und die Auslegung der Heiligen Schriften aus. Mit dem heute noch gesprochenen Jiddischen entstand sogar eine eigene Sprache auf Basis des Deutschen mit zahlreichen hebräischen und aramäischen Einflüssen. Die Deutsch-Jüdische Geschichte ist also vielgestaltig und darf nicht nur auf die Vernichtung eingeengt werden.

Mit Rosa Luxemburg, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Max Liebermann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Gustav Mahler, Levi Strauss, Albert Einstein oder Hannah Arendt sind nur einige Namen zu nennen. Sie sind Teil unserer Kultur und Identität. Nur am Rande sei erwähnt, dass bis 1933 ein Drittel der deutschen Nobelpreisträger jüdischer Herkunft waren.

In Schleswig-Holstein wollen wir jüdisches Leben sichtbar machen und stärken. Unserer Bildungsministerin Karin Prien ist das eine Herzensangelegenheit. Dafür haben wir in den vergangenen Jahren viel erreicht. Wir haben einen neuen Staatsvertrag mit den jüdischen Landesverbänden abgeschlossen, der die gleichwertige Anerkennung und Zusammenarbeit noch einmal erneuert hat. Wir haben mit Peter Harry Carstensen den ersten Landesbeauftragten für das jüdische Leben in Schleswig-Holstein eingeführt, der sich nicht nur an die Bekehrten richtet, sondern breit das Thema in unser Land trägt.

Ich habe vorhin von der Zerstörung der Kieler Synagoge gesprochen. Heute gibt es zwei Synagogen in Kiel. Eine auf dem Westufer, die gerade in der Waitzstraße ein neues Gebäude gefunden hat, das sogar optisch an eine Synagoge erinnert. Wer das begleitet hat, weiß, dass das eine deutliche Aufwertung zum alten Standort ist. Und eine auf dem Ostufer in Gaarden, die bald einen Anbau mit neuen Räumlichkeiten für Veranstaltungen und Ausstellungen erhalten wird. Beide Orte werden in Kiel zentrale Begegnungsorte, um jüdisches Leben in der Landeshauptstadt sichtbar zu machen. Auch in Lübeck ist kürzlich die Synagoge nach einer umfassenden Sanierung eingeweiht worden. Beispiele für wichtige Investitionen. Ich würde mir sehr wünschen, wenn möglichst alle die Chance ergreifen, einmal eine dieser Synagoge zu besuchen. Vielleicht gerade in diesem Jahr. Wir müssen Verständnis, Begegnung und gemeinsame Erfahrungen gegen den Hass gegen Juden stellen.

Deshalb feiern wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Schalom.

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